Demobericht vom 3. Juli 2010 (mit Fotos)

Juli 8, 2010

Die Kurzversion: Die Demo war total unterbesucht! Am Anfang waren es ca. 25 Leute, am Ende ca. 60. Trotzdem haben wir das Gefühl, dass wir sehr viel Inhalt rüber gebracht haben. Eine Rede in der Altstadt bei hunderten anwesenden „Touristen“ und Reden auf der Maria-Theresien-Straße bei ebenso vielen Leuten stießen auf breite Zustimmung! Holger Burner am Schluss brachte nochmal mehr Kampfeslust und Flair. Was brachte die Demo außer Spass für einige Wenige?

Demobericht: Reclaim your city! Reclaim your life!

Nach der Frauendemo am 30. April (150 Leute), der Kundgebung am 1. Mai (50 Leute) und einer Anti-Rassismus Demo am 6. Juni (250 Leute) dachten wir, dass es in Innsbruck mindestens einmal im Monat eine Demonstration geben muss, die von Leuten aus dem »linken Spektrum« organisiert wird. Also waren diesmal wir dran. Zwischen zwei Fußball-WM Spielen meldeten wir an jenem Samstag für 18.30 eine Demo an. Wir hofften darauf, dass das Gemisch aus (frei umherschwirrenden) PolitaktivistInnen, »Szenegeistern«, Punks und sonstigen uns bekannten Gesichtern bei Sonnenschein, »geselligem Fußball schauen« und entschlossenem Zorn über die Verhältnisse zwischendurch motiviert wäre, auf die Straße zu gehen. Es wird viel gejammert über das Fehlen von »linksautonomen Räumen« und über die »öffentlichen Plätze«, die zu nix mehr gut sind – da versteht es sich von selbst, dass wir uns den Raum (mal wieder) nehmen.

Leider lagen wir mit unserer Einschätzung sehr daneben. Nach einer Stunde Aufbau-Arbeit im Waltherpark waren es 25 Leute, die wir zur Demo zählen konnten. In einer spontanen Einleitungsrede wurde angeführt, dass in dieser Krise nur unser Steuergeld verpulvert wird. Jedes Unternehmen, nicht nur Großkonzerne und Banken, investierte in giftige Finanzprodukte und wollte damit schnelles Geld machen. Dabei stritten sie sich nur über die Höhe der zu verteilenden Profite. Außerdem brauche sich niemand wundern, wenn es allen schlechter geht – die Menschen, zumindest in Österreich, wehren sich nicht und lassen mit sich alles machen. Es gäbe (schon lange) eine Krise der revolutionären Vorstellungen und der Ideen von Widerstand. Deshalb sind auch keine Leute für solche Sachen auf der Straße.

Die Demo zog vorbei am Metropol-Kino über die Brücke hinein in die Altstadt, wo beim deutschen Freudentaumel über das 4:0 beim Fußballspiel gegen Argentinien Polkahontas »Deutschland muss sterben, damit wir leben können« aus den Boxen donnerte. Die vielen Touristen reagierten erstaunt bis erheitert. In der Rede vor ca. 4-500 inländischen und ausländischen Touristen wurde klar gemacht, dass es uns nicht um Fußball geht, sondern um die deutsche Regierung, um die EU, die weltweiten Regierungen und um die kapitalistische Krise. »Heute sitzt ihr bei Kaffee als Touristen, doch spätestens am Montag seid ihr wieder ArbeiterInnen, Angestellte, PensionistInnen, … und als solche sprechen wir euch heute an!« Nach einer kurzen Einleitung wurde der Aufruftext (das Flugblatt) vorgelesen. Der Großteil der Menschen reagierte unserer Wahrnehmung nach sehr verstehend und neugierig bis zustimmend. Dabei wurden ca. 150 Flugblätter mit dem Aufruf verteilt. Das Angebot, selber etwas ins Mikro zu reden, nahm dann aber niemand an. 😦

Weiter ging es über den Burggraben zum Museum. Der Weg wurde für einen kurzen Beitrag samt Sprechchor gegen die Abschiebungen in Österreich genutzt. Vorbei am Bozner Platz, abbiegen in die Meraner Straße, in der Holger Burner nochmals erläuterte, dass es Krisen im Kapitalismus bis jetzt immer gegeben hat und wir den ganzen Schlamassel nur bekämpfen können, wenn wir über (nationalstaatliche) Grenzen hinweg agieren.

Die Abschlusskundgebung und das Konzert fanden vor der Annasäule Richtung Goldenes Dachl statt. Mittlerweile konnten wir ca. 50-60 Leute ausmachen – mit Touristen in der Maria-Theresien-Straße bestimmt 2-300. Auch hier wurden wieder ca. 100 Flugblätter verteilt. Nochmals wurde dieses Flugblatt vorgetragen und mit einem kurzen Dankeschön und Hinweis auf die »Praxis des Klassenkampfs« an einen Genossen aus Dachau übergeben. Der steht schon länger in einem Arbeitskampf an der Amper-Klinik und erzählte uns über seine Erfahrungen mit den autonomen KollegInnenstammtischen, einer Betriebsgruppe und -zeitung, der Repression der Klinikchefs und beschissenen Arbeitsverhältnissen ähnlich der Klinik in Innsbruck (Auslagerungen und Privatisierungen!).

Um ca. 20 Uhr stimmte Holger Burner uns zum Klassenkampfrap ein. Eine gute dreiviertel Stunde wurde getanzt, gefeiert und politisch abgerockt – Stagedives und Bengalen inklusive! Am Ende gaben sich noch zwei Freesytle-Rapper ein Stelldichein – einer politisch, der andere rein zufällig da und sehr prollig, dennoch amüsant.

Die Bullen begleiteten die Demo im Spalier. Dabei verhielten sie sich ruhig – ihre Anwesenheit ist kaum der Rede wert!

Es bleiben die üblichen Fragen. Nur selten ging es »dem Kapitalismus« so schlecht wie heute – das ist die Chance! Aber warum so wenige Leute? Wussten sie von der Demo? Wenn der Aufruftext so viel Zustimmung brachte: Was passiert mit den Informationen, die da durch die Boxen schallten? Konnte und kann irgendjemand damit etwas anfangen? Reden die Leute darüber auch nach der Demo? Wir wissen nur – und das sagen wir zum xten Mal: Wenn alle so weiter machen wie bisher, vor allem »Linke«, dann braucht sich niemand zu wundern, dass es ihm/ihr immer schlechter geht.

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