Studiproteste: Dichter und Denker statt Bachelor und Banker!

März 12, 2010

In Wien waren ca. 10.000 Menschen auf der Straße (die Bullen reden von 3.200, die VeranstalterInnen von 10-12.000). Auf Indymedia gibt es viele Bilder von Plakaten und Transparenten, auf diepresse.com eine aussagekräftige Bildergalerie, die sich mit den StudentInnen halbgar beschäftigt. Weiterhin nicht nachvollziehbar: Der Zusammenhang zwischen globaler Krise und Krise der Universität (wofür studieren wir eigentlich?) bleibt von den StudentInnen unerwähnt:

Die Universität hat keine eigene Geschichte; ihre Geschichte ist die Geschichte des Kapitals. Ihre wesentliche Funktion ist die Reproduktion des Verhältnisses von Kapital und Arbeit. Obwohl sie kein richtiges Unternehmen ist, das gekauft und verkauft werden kann, das Gewinne an seine Investor*innen ausschüttet, leistet die öffentliche Universität diese Aufgabe nichtsdestotrotz so effizient wie möglich, indem sie sich der Unternehmensform ihrer Komplizen immer mehr angleicht. Wir erleben gerade die Endphase dieses Prozesses, in dem die Fassade der Bildungsinstitution der unternehmerischen Rationalisierung weicht.

Selbst im goldenen Zeitalter des Kapitalismus, das auf den Zweiten Weltkrieg folgte und bis in die späten 1960er Jahre andauerte, war die liberale Universität bereits dem Kapital untergeordnet. Auf dem Höhepunkt der öffentlichen Finanzierung des Hochschulwesens in den 1950er Jahren erfolgte bereits die die Umgestaltung der Universität hin zu einer Produktion von Technokrat*innen mit den notwendigen Sachkenntnissen zur Bezwingung des „Kommunismus“ und zur Aufrechterhaltung der US-Hegemonie. Ihre Aufgabe während des Kalten Krieges war die Legitimation der liberalen Demokratie und die Reproduktion einer imaginären Gesellschaft freier und gleicher Bürger – und zwar aus einem einfachen Grund: Niemand war frei und gleich.

Wenn jedoch diese ideologische Funktion der öffentlichen Universität nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest ausreichend finanziert wurde, dann veränderte sich diese Situation in den 1960er Jahren auf unumkehrbare Weise, und kein wie auch immer gearteter sozialdemokratischer Stepp wird die tote Welt des Nachkriegbooms wieder herbeiführen können. Zwischen 1965 und 1980 begannen die Profitraten von Unternehmen zuerst in den USA und dann im Rest der industrialisierten Welt zu sinken. Wie sich herausstellte, konnte der Kapitalismus das gute Leben, das er ermöglichte, nicht aufrecht erhalten. Für das Kapital erscheint der Überfluss als Überproduktion, die Befreiung von der Arbeit als Arbeitslosigkeit. Anfang der 1970er Jahre trat der Kapitalismus in eine Phase endgültigen Abschwungs ein, im Zuge derer sich die Normalarbeit in Gelegenheitsarbeit verwandelte und die Löhne der Arbeiter*innenschaft stagnierten, während diejenigen an der Spitze zeitweilig für ihre undurchsichtige finanzielle Totenbeschwörung belohnt wurden, was sich mittlerweile längst als unhaltbar erwiesen hat.

Für die öffentliche Bildung erwies dieser lang anhaltende Abschwung als Verringerung von Steuereinnahmen, und zwar sowohl aufgrund abnehmender ökonomischer Wachstumsraten wie aufgrund der Bevorzugung von Steuererleichterungen für angeschlagene Unternehmen. Diese Plünderung der öffentlichen Mittel traf Kalifornien und den Rest der Nation in den 1970er Jahren. Jeder weitere Konjunkturabschwung trifft sie aufs Neue. Obwohl sie dem Markt nicht direkt verpflichtet ist, werden die Universität und ihre Folgeerscheinungen der gleichen Kostensenkungslogik unterworfen wie alle anderen Industriezweige: Rückläufige Steuereinnahmen haben die Gelegenheitsarbeit unvermeidbar werden lassen. Professor*innen, die in Ruhestand gehen, machen nicht Anstellungen auf Lebenszeit Platz, sondern prekär beschäftigten Assistent*innen, Gehilf*innen und Lektor*innen, die dieselbe Arbeit für viel weniger Geld leisten. Die Erhöhung der Studiengebühren kompensiert die Kürzungen, während sich die Arbeitsplätze, für die die Studierenden bezahlen, um eine Ausbildung zu bekommen, in Luft auflösen.

Inmitten der langen und sich hinziehenden gegenwärtigen Krise wünschen sich viele auf der Linken das goldene Zeitalter des öffentlichen Bildungswesens wieder herbei. In ihrer Naivität stellen sie sich vor, dass die Krise der Gegenwart eine Gelegenheit dafür ist, die Rückkehr der Vergangenheit zu fordern. Aber die Sozialprogramme, die auf hohen Gewinnraten und lebhaftem Wirtschaftswachstum beruht haben, sind unweigerlich verloren. Wir dürfen nicht der Versuchung erliegen, vergeblich nach dem Unwiederbringlichen zu greifen, während wir die offensichtliche Tatsache ignorieren, dass es in einer kapitalistischen Gesellschaft keine autonome „öffentliche Universität“ geben kann. Die Universität ist der realen Krise des Kapitalismus unterworfen und das Kapital braucht längst keine liberalen Bildungsprogramme mehr. Die Funktion der Universität war seit jeher die Reproduktion der Arbeiter*innenklasse durch die Ausbildung zukünftiger Arbeiter*innen, und zwar entsprechend den sich wandelnden Anforderungen des Kapitals. Die Krise der Universität heute ist die Krise der Reproduktion der Arbeiter*innenklasse, die Krise einer Periode, in der uns das Kapital nicht länger als Arbeiter*innen braucht.

aus: Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. Über die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens.

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