Das Kapital: „Das ist langsam kein Spaß mehr!“

Oktober 8, 2009

Die nächste Einschätzung auf FTD.de versucht zu diskutieren, warum der „Aufschwung“ keiner ist.

Ein kleiner Schönheitsfehler

Die Industrieauftragseingänge in Deutschland steigen und steigen, doch wie in Amerika kommt bei den Konsumgüterherstellern nichts davon an. Entsprechend setzten die Rentenanleger schon wieder auf Flaute. Und tatsächlich deutet einiges darauf hin.

Das ist langsam kein Spaß mehr. Die hiesigen Industrieauftragseingänge sind im August mit 1,4 Prozent zwar überraschend stark gestiegen, wenn man berücksichtigt, dass der Vormonat durch üppige Militärbestellungen aufgebläht war, der Umfang von Großaufträgen im August selbst jedoch unterdurchschnittlich gewesen ist. Aber wie schon in den Vormonaten herrscht bei den Konsumgüterherstellern Flaute vor. Im August haben die Bestellungen dort um satte 3,8 Prozent zum Vormonat nachgegeben – und sind damit bloß noch eine Spur höher als im tränenreichen Februar. Insbesondere die Konsumgüterbestellungen aus dem Ausland haben weiter nachgelassen und nun ein neues zyklisches Tief markiert.

Nun haben die Konsumgüter in Deutschland zwar nur ein Gewicht von knapp 8,1 Prozent im Index des Auftragseingangs, zumal Kraftfahrzeuge (27,1 Prozent) dem Investitionsgütersektor (55,5 Prozent) zugeschlagen werden. Doch ob wir nun Maschinen oder Vorleistungsgüter wie Chemie oder Stahl herstellen, letztlich dient alles der Fertigung von Konsumgütern. Und deshalb ist es beunruhigend, dass in Amerika, wo der Arbeitsmarkt längst kollabiert ist und die Verbraucher mit für dortige Verhältnisse riesigen Transferleistungen über Wasser gehalten werden, die Bestellungen bei den Konsumgüterproduzenten ähnlich wie in Deutschland in der Nähe ihrer jüngsten Tiefstände verharren. Das gilt besonders für die kleine Gruppierung der Gebrauchsgüter, die dem allgemeinen Bestellzyklus über die vergangenen Jahrzehnte tendenziell etwas vorangelaufen ist. Und während in den USA der Abwärtsdruck auf die Löhne aufgrund des riesigen Überangebots an Arbeit eindeutig zunimmt, dürfte sich hierzulande die Zunahme der Erwerbslosigkeit beschleunigen.

Zwar ist der deutsche Auftragsbericht für den August insgesamt sehr ermutigend. Denn die Zuwächse erstrecken sich auf eine Vielzahl von Branchen, und seit Februar sind die Bestellungen nunmehr um gut 17 Prozent gestiegen, sodass sie jetzt bloß noch 27 Prozent unter ihrem Spitzenniveau vom November 2007 liegen. Aber erste Risse sind zu erkennen. So sind die Bestellungen bei den Erzeugern von Roheisen, Stahl und Ferrolegierungen, einer typischen Vorleistungsbranche, zuletzt zweimal in Folge gesunken, wenn auch von einem beachtlich hohen Niveau aus. Zudem ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Autoaufträge einen heftigen Rückschlag erleiden, wenn in einem Land nach dem anderen die Verschrottungsanreize auslaufen. Auch ist der Firmenwagenmarkt angeschlagen, um es einmal gelinde zu formulieren.

Der Maschinenbau (18 Prozent des Index des Auftragseingangs) unterdessen dürfte trotz der leichten jüngsten Erholung noch lange unter der fatalen Lage vieler Kunden leiden, die mit erheblich unterausgelasteten Kapazitäten, Schuldenbergen und äußerst hohen realen Kapitalkosten konfrontiert sind. In Deutschland beläuft sich die Umlaufrendite auf Industrieobligationen auf gut 4,8 Prozent, wobei die Erzeugerpreise ohne Energie gerechnet um 3,4 Prozent zum Vorjahr fallen und der Konkurrenzdruck in Anbetracht der einbrechenden Importpreise (minus 6,9 Prozent ohne Öl) gewaltig sein muss. Dazu noch bedacht, dass die Lohnstückkosten im produzierenden Gewerbe (ohne Bau) im zweiten Quartal um fast 25 Prozent über dem Vorjahr lagen, bleibt eine schmerzliche Arbeitsmarktanpassung auch dann zu befürchten, wenn die Firmen mit Blick auf die demografischen Entwicklungen eigentlich an ihren Stammbelegschaften festhalten wollen. Mit entsprechenden Konsequenzen für den Konsum.

Anders als die Aktienanhänger scheinen die Rentenliebhaber Ähnliches zu befürchten. Die Rendite auf zehnjährige Bundesanleihen marschiert seit Monaten stramm auf die Tiefstände um die Jahreswende zu und ist auch am Mittwoch trotz der guten Auftragsdaten heftig gefallen. Und falls sich noch jemand erinnern kann: Damals lautete jedes zweite Wort Kreditklemme oder Depression.

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