Der Artikel im 20er zum „Flugblatt verteilen vor der Swarovski“

Juli 2, 2009

In der Mai-Ausgabe der Innsbrucker Straßenzeitung 20er erschien ein Artikel über unseren Versuch, bei der Kristallfabrik Swarovski in Wattens etwas über Arbeiterunruhe herauszufinden. Zu Dokumentationszwecken posten wir ihn hier nochmal.

Renaissance des Arbeitskampfes
Steffen Arora

Die Krise vernichtet nicht nur Milliardenwerte. Sie sorgt auch für so manches Revival. Etwa in Wattens, vor den Toren des angeschlagenen Kristallriesen Swarovski. Dort haben Aktivisten des Vereins Grauzone den Operaismus wieder belebt. Sie wollen das klassenkämpferische Bewusstsein der von Kündigung bedrohten Arbeiterschaft wecken.

Ein lauer Frühlingsabend in Wattens, Schichtwechsel beim Kristallkonzern Swarovski. Direkt vor dem metallenen Drehkreuz am Fabrikseingang steht Christoph – seines Zeichens Polit-Aktivist des Innsbrucker Vereins Grauzone. Unablässig verteilt er Flugblätter an die Vorbeiströmenden. „Hallo ArbeiterInnen von Swarovski! Anstatt immer nur abzuwarten, was passiert…solltet ihr mal anfangen, Euch selbständig zu wehren“, heißt es da zum Beispiel. Seine Botschaft stößt auf reges Interesse. Fast jeder nimmt sich im Vorbeigehen einen Flugzettel. Manche bleiben kurz stehen und fragen nach, was der junge Mann mit den langen Dreadlocks, den Piercings und dem Punk-Outfit eigentlich bezwecke. „Wir haben uns Gedanken zur Personalpolitik eures Unternehmens gemacht und finden das nicht gut. Was meint ihr?“, antwortet dieser.

Seit der Kristallkonzern im März verkündete, bis Ende 2010 weitere 1.100 Stellen abzubauen, kommen die jungen Innsbrucker regelmäßig zu Schichtwechsel nach Wattens. Warum? „Wir wollen den Leuten nicht sagen, was sie zu tun haben. Das wäre überheblich“, erklären die Aktivisten. Sie wollen das kritische und kämpferische Bewusstsein der von Kündigungen bedrohten Arbeiter wecken. Als Vorbild für diese Form des Aktionismus dient der italienische Operaismus der 1960er-Jahre. Auch dort postierten sich einst Aktivisten vor den großen Industriebetrieben und weckten den Kampfgeist der Arbeiterklasse. Die malochenden Massen fühlten sich von ihren Gewerkschaften nicht mehr vertreten. In genau diese Kerbe schlugen die Operaisten. Sie riefen zum Kampf gegen die kapitalistische Ordnung auf, indem sie den Arbeitern verdeutlichten, dass sie selbst aktiv werden müssten – Hilfe zur Selbsthilfe. Eine breite soziale Bewegung entstand, die sogar die Produktion in der italienischen Automobilbranche zeitweise zum Erliegen brachte.

Die Situation in Wattens ist ähnlich. Auch hier zeigt sich ein Großteil der Arbeiter von der Gewerkschaft enttäuscht. „Was die Betriebsräte für uns tun? Die sind der verlängerte Arm der Geschäftsführung. Gar nix tun die für uns“, macht ein Arbeiter seinem Ärger Luft. Die Stimmung sei am Tiefpunkt, erzählt ein anderer: „Jeden Tag neue Kündigungen, vor allem die Jungen sind betroffen. Das ist sehr hart.“ In der Firmenleitung weiß man nichts von den Flugblättern und stört sich auch nicht weiter daran, ist auf Nachfrage des 20er zu erfahren. Doch Zentralbetriebsratobmann Hans-Jörg Gartlacher hat von der Aktion gehört. Er kann dem aber nur wenig abgewinnen: „Die da aufrufen, die retten damit auch keine Arbeitsplätze. Man muss eben auf den Geschäftsrückgang reagieren, die meisten Leute verstehen das.“

Beim 20er-Lokalaugenschein ist von diesem „Verständnis für die Kündigungen“ allerdings nichts zu hören. Nur ein einziger Arbeiter verteidigt an diesem Abend den Stellenabbau und zählt Produktionsbereiche auf, die „problemlos ins Ausland verlagert werden könnten“. Was er selbst für einen Job im Unternehmen habe? „Ich bin Betriebsrat…“

aus: 20er, Nr. 105, Mai 2009, www.zwanzger.at

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