Archive for Juli, 2009

“ … dann sollte ich zu 1000 bewaffneten Arbeitern sprechen!“

Juli 12, 2009

Frisch auf der Wildcat Website:

Loren Goldner schickte uns einen Bericht über ein besetztes Motorenwerk in Südkorea. Die Arbeiter hatten ihn eingeladen auf ihrer Versammlung zu sprechen: »das war ein bisschen absurd, denn ich hatte erst wenige Stunden vorher überhaupt was von dem Streik mitbekommen und dann sollte ich zu 1000 bewaffneten Arbeitern sprechen! Am Anfang habe ich ’guten Abend‘ auf koreanisch gesagt, und es gab stürmischer Beifall – als ich schlussendlich auf koreanisch mit ’Es lebe die internationale Arbeiterrevolution!‘ endete gab es vielmehr ein eigenartiges Schweigen … Im Augenblick wollen die meisten nur ihre Jobs retten, nicht den Himmel stürmen.

Aber was mich am meisten beunruhigte, sie fühlten sich verpflichtet mein ’MIT-Diplom‘ zu erwähnen. In Südkorea verbeugen sich fast alle vor solchem ’kulturellen Kapital‘, in den USA hätten mich ähnliche Leute ausgelacht. ’Verbeugen‘ natürlich im reaktionären konfuzianistischen Sinn – auch in den Massenversammlungen reden sich alle mit ’Sie« und ’Ihr« an!«

Der Streik in Pyongtaek, Südkorea, geht weiter

Der Streik bei Ssangyong Motors in Pyongtaek, Südkorea, der gerade seine vierte Woche vollendet, während ich dies schreibe, befindet sich in einer Pattsituation. In mancherlei Hinsicht weist er dieselben Dynamiken auf, die wir jüngst beim Kampf um Visteon in GB gesehen haben und in Schlachten um die Umstrukturierung der Autoindustrie weltweit. Andererseits nimmt er die Ausmaße einer regelrechten Fabrikbesetzung an, mit Vorbereitung auf eine gewaltsame Verteidigung des Werks, falls dies notwendig werden sollte. Und somit ist es in Südkorea der erste Kampf dieser Art seit Jahren.

weiter auf www.wildcat-www.de!

„Heftige Ausschreitungen“ in Hamburg

Juli 5, 2009

UPDATE: Als Kontrast zum gestrigen Artikel auf FTD online sollte man den heutigen Artikel auf Indymedia lesen:

„Es ist eine Lüge, wenn in den Medien behauptet wird, die Polizei wäre mit Knallkörpern, Steinen und Flaschen –angegriffen— worden. Der Angriff ging von Seiten der Polizei aus. Ihr und dem politischen Gegnern eines bewilligten Schanzenfest ging es darum einen in ihren Augen „rechtsfreien Raum“ mit aller Macht zurückzuerobern. So war es von Beginn an geplant.“

weiter auf de.indymedia.org!

Schwere Krawalle in Hamburg

Es begann als Straßenfest und endete in einer Straßenschlacht. Im Hamburger Schanzenviertel haben sich Hunderte Randalierer heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert. Ein Polizeifahrzeug ging in Flammen auf, Dutzende Krawallos wurden festgenommen.

Heftige Auseinandersetzungen haben sich Hunderte Randalierer im Hamburger Schanzenviertel in der Nacht zum Sonntag mit der Polizei geliefert. Bei den stundenlangen Zusammenstößen nach einem Straßenfest gingen Einsatzkräfte massiv mit Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen Demonstranten vor, die immer wieder brennende Barrikaden errichten und Beamte mit Flaschen und Feuerwerkskörpern bewarfen.

Erst am frühen Morgen beruhigte sich die Lage weitgehend. „Es waren heftige Ausschreitungen“, sagte Polizeisprecher Ralf Meyer der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er sprach von einem „hohen Aggressionspotenzial“. Nach dem sogenannten Schanzenfest kommt es seit Jahren zu Ausschreitungen.

weiter auf FTD online! (inkl. Video)

Der Artikel im 20er zum „Flugblatt verteilen vor der Swarovski“

Juli 2, 2009

In der Mai-Ausgabe der Innsbrucker Straßenzeitung 20er erschien ein Artikel über unseren Versuch, bei der Kristallfabrik Swarovski in Wattens etwas über Arbeiterunruhe herauszufinden. Zu Dokumentationszwecken posten wir ihn hier nochmal.

Renaissance des Arbeitskampfes
Steffen Arora

Die Krise vernichtet nicht nur Milliardenwerte. Sie sorgt auch für so manches Revival. Etwa in Wattens, vor den Toren des angeschlagenen Kristallriesen Swarovski. Dort haben Aktivisten des Vereins Grauzone den Operaismus wieder belebt. Sie wollen das klassenkämpferische Bewusstsein der von Kündigung bedrohten Arbeiterschaft wecken.

Ein lauer Frühlingsabend in Wattens, Schichtwechsel beim Kristallkonzern Swarovski. Direkt vor dem metallenen Drehkreuz am Fabrikseingang steht Christoph – seines Zeichens Polit-Aktivist des Innsbrucker Vereins Grauzone. Unablässig verteilt er Flugblätter an die Vorbeiströmenden. „Hallo ArbeiterInnen von Swarovski! Anstatt immer nur abzuwarten, was passiert…solltet ihr mal anfangen, Euch selbständig zu wehren“, heißt es da zum Beispiel. Seine Botschaft stößt auf reges Interesse. Fast jeder nimmt sich im Vorbeigehen einen Flugzettel. Manche bleiben kurz stehen und fragen nach, was der junge Mann mit den langen Dreadlocks, den Piercings und dem Punk-Outfit eigentlich bezwecke. „Wir haben uns Gedanken zur Personalpolitik eures Unternehmens gemacht und finden das nicht gut. Was meint ihr?“, antwortet dieser.

Seit der Kristallkonzern im März verkündete, bis Ende 2010 weitere 1.100 Stellen abzubauen, kommen die jungen Innsbrucker regelmäßig zu Schichtwechsel nach Wattens. Warum? „Wir wollen den Leuten nicht sagen, was sie zu tun haben. Das wäre überheblich“, erklären die Aktivisten. Sie wollen das kritische und kämpferische Bewusstsein der von Kündigungen bedrohten Arbeiter wecken. Als Vorbild für diese Form des Aktionismus dient der italienische Operaismus der 1960er-Jahre. Auch dort postierten sich einst Aktivisten vor den großen Industriebetrieben und weckten den Kampfgeist der Arbeiterklasse. Die malochenden Massen fühlten sich von ihren Gewerkschaften nicht mehr vertreten. In genau diese Kerbe schlugen die Operaisten. Sie riefen zum Kampf gegen die kapitalistische Ordnung auf, indem sie den Arbeitern verdeutlichten, dass sie selbst aktiv werden müssten – Hilfe zur Selbsthilfe. Eine breite soziale Bewegung entstand, die sogar die Produktion in der italienischen Automobilbranche zeitweise zum Erliegen brachte.

Die Situation in Wattens ist ähnlich. Auch hier zeigt sich ein Großteil der Arbeiter von der Gewerkschaft enttäuscht. „Was die Betriebsräte für uns tun? Die sind der verlängerte Arm der Geschäftsführung. Gar nix tun die für uns“, macht ein Arbeiter seinem Ärger Luft. Die Stimmung sei am Tiefpunkt, erzählt ein anderer: „Jeden Tag neue Kündigungen, vor allem die Jungen sind betroffen. Das ist sehr hart.“ In der Firmenleitung weiß man nichts von den Flugblättern und stört sich auch nicht weiter daran, ist auf Nachfrage des 20er zu erfahren. Doch Zentralbetriebsratobmann Hans-Jörg Gartlacher hat von der Aktion gehört. Er kann dem aber nur wenig abgewinnen: „Die da aufrufen, die retten damit auch keine Arbeitsplätze. Man muss eben auf den Geschäftsrückgang reagieren, die meisten Leute verstehen das.“

Beim 20er-Lokalaugenschein ist von diesem „Verständnis für die Kündigungen“ allerdings nichts zu hören. Nur ein einziger Arbeiter verteidigt an diesem Abend den Stellenabbau und zählt Produktionsbereiche auf, die „problemlos ins Ausland verlagert werden könnten“. Was er selbst für einen Job im Unternehmen habe? „Ich bin Betriebsrat…“

aus: 20er, Nr. 105, Mai 2009, www.zwanzger.at