SWAROVSKI BERICHTE

Hier findet ihr die Berichte, die wir verfasst haben, um unsere Erfahrungen beim Verteilen der Flugblätter vor der Swarovski Kristallfabrik zur Diskussion zu stellen. Sie sind chronologisch von unten nach oben geordnet. Das heißt: Ganz unten ist der erste Bericht, ganz oben der aktuellste!

Die Berichte werden immer auch auf www.chefduzen.at und at.indymedia.org veröffentlicht.

***
Flugiverteilen vor der Swarovski: »Gemma demonstrieren!«

Am Donnerstag, den 9. April 09 verteilten wir vor der Kristallfabrik Swarovski wieder ca. 150 Flugblätter (wie immer findet ihr das Flugblatt auf www.catbull.com/grauzone; wir denken übrigens schon länger über ein nächstes nach!). Diesmal bedienten wir den Schichtwechsel zwischen 20 und 21 Uhr. Ein Journalist vom 20er, einer Innsbrucker Straßenzeitung, war mit dabei. Obwohl uns der Problemzusammenhang »bürgerlicher Journalismus« und »bürgerliche Öffentlichkeit« vs. »proletarische Öffentlichkeit« bewusst ist und wir ihn praktisch aufzulösen versuchen, entschieden wir, dass wir mal schauen, was dabei herauskommt, wenn er einen Bericht darüber schreibt. Ein Gespräch mit ihm erwies sich schon mal als sehr nützich. Er hatte beim Betriebsrat und bei der Betriebsleitung angerufen und wollte sich informieren, ob sie von unserer Aktion wissen. Die Firmeinleitung wisse offiziell nichts davon und der Zentralbetriebsratsobmann Gartlacher hörte von der Aktion, »schätzt sie aber nicht«. Denn, so zitiert der Journalist: »Die da aufrufen, retten damit auch keine Jobs.« Zudem herrsche laut Gartlacher unter dem Gros der Mitarbeiter (auch der von Kündigungen betroffenen) »Verständnis« für diese Maßnahmen.

Ganz andere Ergebnisse bringen jedoch Gespräche mit den ArbeiterInnen vor den Werkstoren. Sie erzählten von einer »sehr schlechten Stimmung« im Betrieb; von Kündigungsmethoden, bei denen ArbeiterInnen mit ihrer Chipkarte ins Werk wollen, aber nicht mehr reinkommen, weil sie von den Chefs einfach deaktiviert wurde; von Fällen, bei denen ArbeiterInnen kurz von der Maschine genommen werden und denen dann gesagt wird, sie sollen gehen und nicht mehr kommen; von Gesprächen, in denen sie mit höheren Abfindungen geködert werden, damit sie selber kündigen; etc. (Der Betriebsrat dementiert diese Vorwürfe übrigens: »unbegründet« und »unwahr« …)

Zur Bekanntgabe der bevorstehenden Kündigung von rund 1.100 MitarbeiterInnen bis Ende 2010 hatte die Firmenleitung von Swarovski nur drei MedienvertreterInnen eingeladen: nämlich von APA, Tiroler Tageszeitung und ORF Tirol. Verständlich vom Standpunkt der KapitalistInnen, denn sie wollen nur Medien informieren, von denen sie wissen, dass sie nur das schreiben, was sie ihnen erzählen.

Nun der Reihe nach: Als wir ankamen, gingen wir zuerst einmal eine halbe Runde um den Betrieb. Bei einem anderen Eingang beflyerten wir drei von fünf ArbeiterInnen. Alle meinten auf die Frage nach der Situation im Betrieb, dass man »eh nix machen könne«. Danach, beim nächsten Eingang, kam die Frage eines Facharbeiters, ob wir nie arbeiten müssten, weil wir immer Zeit hätten. Als wir uns zu unserem üblichen Eingang stellten – gleich beim Busparkplatz – kamen wir mit einem Arbeiter aus der Kristallproduktion ins Gespräch. Er redete in einer Art und Weise, als ob er der rechte Arm des Unternehmers wäre: »Wir haben noch ein Werk in Thailand mit 4000 Leuten«, »einiges passiert noch manuell, wie zB. die Abteilung mit den 200 Frauen, die Kristalle sortieren« -> »die kann man verlagern, die Arbeit kann jedeR erledigen«, »das Werk in Wattens muss 40 Mio. Euro Umsatz pro Monat machen, damit es keinen Verlust macht«, »die österreichische Mentalität verhindert einen Kampf, alles wird am Verhandlungstisch gelöst«, »wenn die Kaufkraft der Menschen sinkt, dann kommt es eben zur Krise – was kauft man dann? Brot oder Kristallschmuck?« Auf die Frage, was er von der Gewerkschaft hält, weicht er aus – ob er darin organisiert sei: »Ich bin Betriebsrat, ciao!«

Ein Arbeiter, der schon seit 25 Jahren im Betrieb ist, meinte, dass die Kurzarbeit bei Tyrolit nur eine Show sei: »die Produktionshallen sind leer, da arbeitet niemand« und: »ich könnte schon lange gehen, bekäme 14 Monatsgehälter plus nochmal ein halbes Jahr Bruttogehalt, wenn ich freiwillig gehe.« Er regte sich noch auf, dass junge Techniker gefeuert werden: »Frechheit! Was sollen die denn sonst tun?«

Drei langjährige Arbeiter erzählten von der erwähnten »sehr schlechten Stimmung« im Betrieb. Sie prangerten vor allem die Kündigungspolitik an, da vornehmliche junge ArbeiterInnen zum Handkuss kämen. Sie erzählten davon, dass sie sich zum Beispiel in ihrer Abteilung zusammengetan hätten, um sich auf eigene Faust – unabhängig vom Betriebsrat – für von Kündigung betroffene junge KollegInnen einzusetzen.

»Der ist seit fünf Jahren im Betrieb, hat Schleifer gelernt und keinen einzigen Tag gefehlt. Jetzt hat er Familie und baut Haus und sollte gekündigt werden. Andererseits werden Leute behalten, die immer nur tachiniert haben, deren Arbeit immer die anderen übernehmen mussten, weil sie selber Alkoholiker sind und nix auf die Reihe kriegen. Die werden behalten, mit der Begründung, dass sie sonst zum Sozialfall werden. Wir wollen kein soziales Unternehmen, sondern ein gerechtes Unternehmen. Wenn die schon Leute rausschmeißen, dann wenigstens die, deren Arbeit sowieso immer die anderen erledigen mussten.«

Zudem zeigten sich die drei vom Betriebsrat und der Gewerkschaft sehr enttäuscht: »Was die Gewerkschaft für uns tut? Gar nix! Der Betriebsrat ist doch der verlängerte Arm der Geschäftsführung.« Die drei Arbeiter erzählten außerdem von einem Betriebrat, dessen Namen sie nicht nennen wollten, der aber »dreifach abcasht und für uns genau null macht«. Damit dürfte Michael Huber gemeint sein. Huber ist neben seiner Tätigkeit als stellvertretender ArbeiterInnen-Betriebsratsvorsitzender derzeit Obmann der Tiroler Gebietskrankenkasse, stellvertretender Vorsitzender des Landesstellen-Ausschusses der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt und Vizebürgermeister in Stans.

Die Stimmung war generell wieder geprägt von »was willst du denn machen?« und »wir sind kleine Würstel, haben nix zu sagen«, aber trotzdem Nachdenken über die Situation und über »Streiks in Frankreich«. Eine Arbeiterin meinte: »Gemma demonstrieren!«

Auf die Frage, ob das Flugblatt irgendwas bringe, antworteten viele mit »ja, eh gut, weiter so« bis »super, toll geschrieben«, einige aber wollten nix mehr davon wissen und sagten, dass das sowieso überhaupt nix bringe und nichts ändere. »Damit ist uns auch nicht geholfen« und »kannst du dir stecken!« Auf die Antwort, dass sie sich selber helfen müssten und wir als AktivistInnen auf Anhieb nicht mehr tun könnten, bekamen wir kein Kommentar.

Der Werkschutz blieb diesmal fern.

PS: Ein Genosse aus der Grauzone wies uns auf die Debatte über das Flugblatt im Network Forum hin. Niemand außer er ist darin angemeldet. Wer also produktive, seriöse, solidarische Kritik anzubringen hat, schreibt bitte an grauzone [at] catbull.com. Das würde uns helfen!

***
Flugiverteilen vor der Swarovski: »Erzählt mir nichts von der Gewerkschaft!«

Am 1. April waren wir zum zweiten Mal vor den Werkstoren der Kristallfabrik Swarovski und verteilten 350 Flugblätter (dieselben wie vor 3 Wochen, nur mit zwei Sätzen mehr zum aktuellen Stand der Entlassungen, ihr findet ihn auf unserer Homepage: http://www.catbull.com/grauzone). Die Schicht war die gleiche wie beim letzten Mal, deshalb kannten uns einige ArbeiterInnen schon. Auf die Frage, wie sie das Flugblatt fanden, sagten die meisten, dass es »schon okay« war. Eine Arbeiterin meinte, sie haben über das Ding in der Fabrik gesprochen und ihr habe er gut gefallen. Die Stimmung war geprägt von Frustration, Wut und Perspektivlosigkeit. Viele ArbeiterInnen fragten uns, was man gegen die Entlassungen tun könnte oder sollte. Eine Arbeiterin meinte, dass sie in Frankreich »sogar gestreikt hätten«. Aber das »läuft hier nicht«. Genauso wie Betriebsbesetzungen – das mag woanders passieren, aber »für uns ist das nix«. Es war diesselbe Arbeiterin, die auf die Behauptung, dass die Gewerkschaft ja auch nicht das Wahre sei, gemeint hat: »Ja, erzählt mir nichts von der Gewerkschaft!«. Einige erfuhren von ihrer eventuellen Kündigung erst am nächsten Tag, andere stehen schon auf einer »Abschussliste« (das jedoch wegen zeitlicher Befristung, die nicht verlängert wird).

Verlagert werden nach Info eines Arbeiters die Galvanisierung (nach Tschechien, 150 Arbeitsplätze) und Teile der Schleiferei (nach China, ca. 500 Arbeitsplätze).

Nach fast zwei Stunden kam der Werkschutz mit einem ersten Auto (zwei Mann) und wies uns darauf hin, dass wir hier auf Privatgrund stehen. Da wir aber eh schon fertig verteilt hatten, räumten wir ohne große Reden das Feld und gingen zum Auto (der Werkschutz traut sich offensichtlich nicht, uns in Anwesenheit der ArbeiterInnen zu vertreiben?). Drohungen wurden trotzdem ausgesprochen: »Ihr seid notiert!« und »Kommt ja nie wieder!«. Fragt sich, was sie sich notiert haben – außer Bildern auf den unzähligen Kameras haben sie nichts von uns.

Ungeschickterweise hatten wir unser Auto auf dem ArbeiterInnenparkplatz geparkt – und das nutzte der Sicherheitsdienst, um uns zusammen mit Werkschutz gleich in die Zange zu nehmen und uns zu »verhören« (wir wurden von zwei Autos »gekesselt«: einmal vom Sicherheitsdienst, der gar nicht wusste, dass wir zwei Minuten vorher schon vertrieben wurden und einmal ein zweiter Wagen vom Werkschutz). Uns wurde mit einer Anzeige gedroht, wenn wir nicht unsere Personalien preisgeben und ein Flugblatt rausrücken. Der Typ vom Sicherheitsdienst wies uns sogar darauf hin, dass er gar kein Recht hätte, unsere Ausweise zu fordern – das dürfe nur die Polizei, die er aber holen könne. Ein Flugblatt sollte er bekommen, unsere Personalien aber nicht. Dafür notierte er unser Kennzeichen. Außerdem bekämen wir keine Anzeige, wenn wir »kooperieren«, weil sie seien ja keine »Unmenschen«. Nach einer längeren *politischen* Diskussion (auf eine juristische Ebene sollte man sich gar nicht erst einlassen!) konnten wir abziehen …

Mal sehen, ob was auf uns zukommt. Einschüchtern lassen wir uns nicht!

***
Flugiverteilen vor der Swarovski I

Am Donnerstag, den 12. März 09 waren wir zu fünft vor den Toren der Swarovski Fabrik in Wattens/Tirol und haben beim Schichtwechsel 200 Flugis verteilt. Wir hätten aber locker 400 gebraucht … Swarovski ist in Tirol ein »Vorzeigeindustriebetrieb« und beschäftigt an die 5000 ArbeiterInnen in Wattens (ca. 20 km östlich von Innsbruck), weltweit sind es 17.000. Neben Kristallschmuck erzeugen sie auch optische Dinge wie Ferngläser oder Babyschnuller mit Kristallen drauf … Wattens wurde übrigens rund um die Fabrik erbaut (Swarovski errichtete Anfang des 20. Jahrhunderts viele Arbeitersiedlungen) und hat ca. 8000 EinwohnerInnen.

Das Interesse war groß, die Kommentare ausschließlich freundlich und interessiert. Nur einer meinte, »man könne nicht gegen den Wind pissen«, was wahrscheinlich heißen sollte, dass man wegen des 30%igen Absatzrückgangs (Info von einem Arbeiter) akzeptieren müsse, dass es Kündigungen gibt. Eine Arbeiterin verlangte gleich mehrere Flugis, um sie drin verteilen zu können. Andere wieder hatten ziemliche Angst, weil sie nicht wussten, ob sie eventuell gekündigt werden, wenn sie irgendwas machen, was den UnternehmerInnen nicht passt (wie zB. den Flugi zu lesen oder drüber zu reden). Die meisten empfinden die Kündigungen wegen »Konkurrenz aus Ägypten und China« und »Krise« trotz Rekordumsatz 2007 und minimalen Rückgang im Jahr 2008 eine Frechheit, wissen aber nicht, was man dagegen tun könnte. Die Stimmung war in etwa in diese Richtung: »Ja, saublöde Situation, eh gut, dass ihr da was macht …« Auf Erzählungen über Fabriksbesetzungen, zB. gerade in Schottland und vor einigen Wochen in Chicago, reagierte ein Arbeiter überrascht: »Boah, das ist eine harte Aktion!« Zwei Arbeiter garantierten, dass sie uns eine Mail mit Feedback schreiben, aber das war wohl mehr gut als ernsthaft gemeint, weil wir (noch!?) keine Rückmeldung bekommen haben. Auf die Frage, was denn mit den gekündigten KollegInnen ist, was die jetzt machen oder was es mit dieser nebulösen »Landesarbeitsstiftung« auf sich hat, konnte uns keineR Auskunft geben. Übrigens wiesen viele ArbeiterInnen darauf hin, dass es ihnen bei Swarovski vergleichsweise noch gut ginge: »Welche andere Firma bezahlt schon ein freiwilliges 15. Gehalt …«.

Nur am Rande erwähnenswert ist, dass der Werkschutz nach ca. 45 min auftauchte und von uns wissen wollte, »von wem wir denn geschickt wurden«. Nach zehn Minuten Diskussion zog er aber wieder ab – ohne uns zu vertreiben. Amüsant war die Bemerkung der zwei Werkschutzbeamten, dass sie ja »eh für die ArbeiterInnen da seien«.

Wir kommen wieder, um mehr rauszufinden …

Eine Antwort schreiben