KRISE II

Update: Weltwirtschaftskrise

Wenn wir nun ein paar Zeilen zur politischen Methode und zu lokalen Erscheinungsformen und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise schreiben, dann hat das einen spezifischen Sinn – wir wollen Rückmeldungen, Erfahrungsberichte, Kritik und Meinungen! Wir wollen mit den Texten politisch arbeiten und intervenieren. Dafür braucht es Feedback! Wie sieht´s in eurer Umgebung aus? Was machen die Leute, die entlassen werden und ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können? Was tut sich in den Betrieben?

Die Methode

Im letzten Info behaupteten wir, dass der weitere Verlauf der Krise und damit des Kapitalismus von den Aktionen der ArbeiterInnen rund um den Globus abhängt. Wir sagen das einerseits aus historischen Gründen, denn der Klassenkampf war bis jetzt immer der Motor des Kapitalismus – das lässt sich ganz einfach beweisen. Und andererseits aufgrund des Gedankens, dass wir überlegen sollten, mit wem wir die Welt verändern könnten. Unter dem Label »Linksradikale« oder »AnarchistInnen« wird das nicht gehen. Diese Identitäten brauchen eine Erdung! Deshalb sagen wir: Mit denen, die den Kapitalismus mit ihrer Arbeit täglich neu produzieren. Und das sind die ArbeiterInnen rund um den Globus. Viele werden jetzt wieder irgendein Bild vom stolzen, mächtigen Fabriksarbeiter im Kopf haben – aber damit hat das absolut nichts zu tun (bekommt endlich die maoistischen und leninistischen Vorstellungen vom Klassenkampf aus euren Köpfen! Es gab und gibt auch soetwas wie »autonomen, undogmatischen Marxismus« oder »autonomen Klassenkampf«!). Die ArbeiterInnen sind viel verstreuter, komplexer zusammengesetzt, in verschiedenen Verhältnissen miteinander verbunden und nicht einfach in einen Topf zu werfen. Was hat »Hausfrauenarbeit« mit »Fabriksarbeit« zu tun? Wie leben und kämpfen Studis, die zwischen Uni, extrem prekären Jobs und unbezahlten Praktika hin- und herpendeln? Und was hat das mit den »Bauern« in Mexiko, China, Indien, … zu tun? Das sind alles offene Baustellen!

Um an diesen Baustellen zu arbeiten, gibt es sowas wie »Klassenanalyse« oder »militante Untersuchung« der Arbeits- und Produktionsverhältnisse und der Verhaltensweisen der ProduzentInnen, bei denen man im Vorhinein einfach nicht wissen kann, was dabei rauskommt. Die »ArbeiterInnenklasse« ist kein Objekt, das man dirigieren oder dem man ein »richtiges Bewusstsein« einbläuen könnte (und das stand auch schon oft in unserem Info!). Stattdessen sollten wir uns bei der Nase nehmen und fragen: In welchem Verhältnis stehen wir zur »Klasse«? Was könnte das überhaupt sein, diese »Klasse«? Was wissen wir über uns selber und was haben wir über »soziale Alternativen« zu sagen? Und vor allem: Wem wollen wir das sagen?

Krise in Tirol

Spätestens seit November 2008 ist die Krise real in den Betrieben angekommen – eben so, dass die ArbeiterInnen sie spüren. Ein paar Farbtupfer sollen vorerst einen Rahmen schaffen, in dem wir diskutieren könnten – mehr als ein Anfang ist das nicht!

• Als Beispiel allen voran ist das »Tiroler Aushängeschild« für einen Industriebetrieb (von denen es immerhin knapp 400 in Tirol gibt): Swarowski. Die Chefetage schwatzt vor Monaten von »MitarbeiterInnenabbau, damit der Standort Tirol gesichert bleibt« – und entlässt auf Anhieb 740 Leute, besetzt 200 Stellen nicht mehr nach. Mittlerweile sind die Pläne bekannt: Ein Teil der Produktion wird nach Tschechien verlagert, weitere 150 ArbeiterInnen fliegen raus. Hinter vorgehaltener Hand munkelt man übrigens schon wieder von weiteren 600 Kündigungen wegen der Wirtschaftskrise (der linke Gewerkschafter Stingl hat übrigens Recht, wenn er dabei von einer »Salamitaktik« spricht). Das alles trotz Rekordumsatz 2007. Das Argument: Jenen Rekord hat man 2008 nicht erreicht. Von 2,56 Mrd. fiel er auf 2,52 Mrd. Euro – wahrlich, eine Tragödie! Sonnenklar, dass da (vorerst!) 20 Prozent der Belegschaft gehen müssen. Die kommen dann in eine »Landesarbeitsstiftung«, was bedeutet: Es gibt zwar nicht genug Arbeit, um die Leute bei der Stange zu halten, aber die KapitalistInnen und PolitikerInnen verordnen dennoch einen Arbeitszwang – verpackt als »Aus- und Fortbildungsmaßnahmen«.• Dass wir uns verstehen: Wir plädieren hier nicht für irgendeine reformerische Politik à la »sichere Beschäftigungsverhältnisse« (wir sind AntikapitalistInnen, keine GewerkschafterInnen!), sondern wir veranschaulichen die absurde Logik, die die KapitalistInnen uns aufzwingen wollen.

• Ebenso bei Tyrolit, den Autozulieferern Thöni, Friedrich Deutsch, SchmitterGroup, den Haller Röhrenwerken, den Holzunternehmen Pfeifer, Binder, der Egger GmbH, usw.: Zuerst »Rekordumsatz«, dann »Sparmaßnahmen«. Das heißt: Erstmal fliegen die LeiharbeiterInnen raus und die Kernbelegschaft wird mit Kurzarbeit und Zwangsurlaub eingedeckt. Danach Abbau der StammarbeiterInnen und Investitionen in Rationalisierung und Modernisierung, was immer auch heißt: Steigerung und Optimierung der Ausbeutung unserer Arbeit! Am besten noch mit unseren Steuergeldern (»Staatshilfe«) – wobei ja gar noch nicht ausgemacht ist, ob diese Krise damit in einen neuen kapitalistischen Zyklus mündet. Wir sollten da mitreden!

• Um den Daumen herum haben wir es mit 21.000 Arbeitslosen in Tirol zu tun – das sind um 28,3 Prozent mehr als im Vorjahr, Tendenz täglich steigend! Und die meisten Betriebe sind in Kurzarbeit, was bedeutet: Weniger Lohn, im Schnitt 10 bis 15 Prozent. Und die Lohnzettel vom Monatsende fliegen uns erst in die Hände. Die Auswirkungen bekommen wir also erst zu spüren! Übrigens: Wenn die KapitalistInnen von der »zu teuren« Kurzarbeit reden, dann braucht uns das nicht zu stören – erstens ist ihnen immer jeder Cent an Lohn »zu teuer« und zweitens: sollen sie doch endlich zu Grunde gehen!

Krise weltweit

Das alles ist nichts »Tirolspezifisches«. Diese Dinge passieren gerade überall auf der Welt. Wir könnten unzählige Beispiele, Analysen, Berichte, usw. anführen, aber mittlerweile ist allen klar, dass wir es mit einer fundamentalen Krise des Kapitalismus zu tun haben und dass die Karten gerade neu gemischt werden. Es ist nicht schwer zu begreifen, dass all das, was jetzt über uns hereinbricht, keine »Naturgewalt« oder »wirtschaftlicher Zwang« ist, sondern das Ergebnis von gezielten politisch-ökonomischen Entscheidungen. Die KapitalistInnen drücken die Löhne mit Absicht, die PolitikerInnen sichern die Profite der Banken und Unternehmen mit unseren Steuergeldern (mit Absicht!) und tun alles, damit sie an der Macht bleiben – es ist der pure Klassenhass, der uns da von oben entgegen schlägt! In China, England, in den USA, … reden die Regierungen ganz offen vor ihrer Angst vor sozialen Unruhen (und bereiten sich mit ihren Armeen darauf vor!), in Griechenland können sich StudentInnen und ArbeiterInnen eine andere Gesellschaft schon vorstellen und in Island dauert es bestimmt nicht mehr lange, bis die Reykjavíker Kommune ausgerufen wird …

Noch Nix in Sicht!

Klar, letzteres ist erstmal Träumerei. Denn sowas wie ein weltweites, bewusstes, organisiertes Revoltieren gegen die hilflosen Konjunkturpakete, gegen die politischen Vorschläge und Pläne von UnternehmerInnen und Polit-Bonzen, gegen Barack Obama oder gegen all die offensichtlichen Widersprüche des Kapitals (siehe voriges Info!) tut sich bis jetzt wenig Verallgemeinerndes. Viele kämpfen oder versuchen es – aber meist nur für sich und in vielen Fällen als Appell an den Staat, der doch bitte bitte das marode System retten wolle (siehe Opel-ArbeiterInnen). Was für ein untertäniges Gejammer! Globale Solidarität durch Selbstermächtigung sieht anders aus. Wie werden die Hochöfen zum Flächenbrand?

Hier zwei Tipps zu Texten, die nicht so platt, kurz und vereinfachend die welthistorische Situation beschreiben, in der wir uns momentan befinden. Sie werden gerade weltweit diskutiert:

Karl-Heinz Roth: Globale Krise – Globale Proletarisierung – Gegenperspektiven

Loren Goldner: The Biggest ‚October Surprise‘ Of All: A World Capitalist Crash

Plus: In der aktuellen Wildcat 83 findet ihr viele Länderberichte und einen weiteren Artikel zur Krise. Informiert euch und greift ein!

PS: Was sollen wir das nächste mal schreiben? Über Tiroler KapitalistInnen, die unsere Infrastruktur an US-KapitalistInnen verscherbeln (CBLs)? Über die Frage, was wir ArbeiterInnen/Studis denn tun wollen/sollen/müssen, wenn wir entlassen werden oder wir so wenig Geld bekommen, dass wir unsere Schulden, Mieten, Versicherungen, … nicht mehr bezahlen können? Was die 50 Millionen Arbeitslosen in China mit uns zu tun haben? Oder sollen wir unserer Fantasie freien Lauf lassen und uns über die sozialistische Transformation wie Karl-Heinz Roth in seinem neuen Paper unterhalten? Wir wissen´s nicht, aber wir tun es dann einfach – denn nichts ist schlimmer, als »nichts tun« oder »abwarten und Tee trinken«!

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