KRISE

JedeR redet von ihr, überall liest man von ihr! Alle Jahre wieder? Fast. Zumindest alle fünf bis zehn Jahre bekommen wir härter als normal zu spüren, dass »Kapitalismus« etwas ist, das nur gegen die Menschen (fort-)bestehen kann. Wenn Häuser leer stehen, Menschen keine Wohnung haben und sie nicht beziehen dürfen, weil sich KapitalistInnen nicht daran bereichern können, dann stehen die Bedürfnisse des Kapitals gegen die der arbeitenden Menschen. »Swarovski entlässt 740 MitarbeiterInnen«, »Opel macht für drei Wochen dicht«, »Magna kündigt 900«, »Autoversicherungen werden teurer«, von Lebensmittelteuerungen gar nicht zu sprechen … die Liste ließe sich ewig fortsetzen! Die Frage ist nicht, ob und wann die »Finanzkrise« die »Realwirtschaft« trifft. Erstens ist die »Finanzkrise« Ausdruck einer vorangegangenen Krise in der »Realwirtschaft« und zweitens ist sie schon viel länger spürbar, als die ÖkonomInnen und PolitikerInnen uns aufbinden.

Historisches

Der Druck des weltweiten Aufbegehrens 1968ff. hat dazu geführt, dass die UnternehmerInnen mit fallenden Profitraten zu kämpfen hatten. Das Kapital hat vor dem größeren Stück Kuchen, das sich ArbeiterInnen und StudentInnen erkämpft haben, kalte Füße bekommen. So banal es erstmal klingt: Neben der zunehmenden Mechanisierung des Produktionsprozesses und dem vermehrten Einsatz von Maschinerie (»Roboterisierung!«) war auch die verstärkte »Flucht« des Kapitals in die Finanzsphäre Ausdruck der Revolte. Aber in dieser Sphäre wird Kapitalvermehrung nur simuliert – stark vereinfacht heißt das: Ich wette, dass ich übermorgen so und so viel Profit erwirtschafte, wenn ich morgen so und so viel investiere und damit so und so viel produziere. Da nimmt der Spekulationseifer natürlich seinen Lauf und es kommen Summen heraus, mit denen keine »Realwirtschaft« mithalten kann. Alles fiktiv, aber eben doch real: Arbeitsplatzabbau, Vernichtung von schon produzierten Gütern, Geldentwertung, Hunger! Dazu kommt, dass alle Krisen bis heute – Börsencrash 1987 in Japan, 1995 Tequilakrise in Mexiko, 1997 Asienkrise, 1998 Russlandkrise, 2000 New-Economy-Crash – mit Kreditausweitung »gelöst« wurden. Begleitet wurden die Erschütterungen durch die Entwicklung neuer Finanzinstrumente wie Hedgefonds und Mortgage Backed Securities. Die damit verbundenen Risiken wurden immer weiter gestreut, endlos verbrieft und komplexer gebündelt – so lange, bis sich niemand mehr auskannte. Und jetzt fliegt uns das Ding endgültig um die Ohren!

Offensichtliches

Und was machen Linke? »Der Papa wird’s schon richten, er hot jo seine Pflichten!« brüllen sie lauthals und rennen zu Vater Staat (MALMOE fordern »Entwicklungshilfe«, »Sozialwohnungen« und »Einkommensunterstützung«, ATTAC forcieren ihre Regulierungs- und Besteuerungsideen, deutsche (radikale!) Linke entdecken Keynes wieder, usw.). Das wäre nicht weiter schlimm, aber: viele hören ihnen zu! Dabei ist doch viel wichtiger, was die Menschen selber dagegen machen – Streiks in Belgien von EisenbahnerInnen und Bankangestellten gegen die Krise! Food riots in Indien, Ägypten, Haiti und Kamerun gegen die Krise! LKW-FahrerInnen blockieren die spanischen Autobahnen – gegen die hohen Ölpreise! Athen wird durch einen Streik lahmgelegt – gegen die korrupten Pensions- und Rentenkassen! Und was machen die IsländerInnen und KalifornierInnen, deren Regierungen vorm völligen Bankrott stehen? Das sollten wir uns ansehen, solche Informationen müssen die Runde machen, das gehört verbreitet! Wird den Menschen in der Krise klar, dass etwas Grundlegendes nicht in Ordnung ist und dass das geändert werden kann?? Es ist enorm wichtig, endlich zu kapieren, dass alle, die kein Vermögen haben – außer ihrer Arbeitskraft nur Geld, das sofort wieder ausgegeben wird – total verarscht werden. Die Widersprüche sind offensichtlich.

Jahrelang wurde der »Gürtel« enger geschnallt – die Krise trifft ArbeiterInnen und Angestellte trotzdem mit voller Wucht: Angst um die Ersparnisse, Angst um den Job, wie geht’s weiter?

UnternehmerInnen und PolitikerInnen schnüren »Rettungspakete« und füttern Banken über Nacht (!) mit unglaublichen Milliardenbeträgen, die sie sonst nie haben – die 2006 von den G8 versprochenen zwei Milliarden für die »Dritte Welt« sind noch immer nicht überwiesen! Alles, damit »das Geschäft« weiter geht – was eigentlich nur heißt: damit »das Vertrauen« wieder hergestellt ist. Nur darauf baut die Scheiße auf! »Vertrauen« in jene, die den ganzen Schlamassel verursacht haben, »Vertrauen« in ein System, das für den ganzen Schlamassel verantwortlich ist.

Die »zu vielen Güter«, um die es geht (Häuser, Autos, …), wurden ja schon produziert, sie existieren, man könnte sie benutzen, aber fürs Kapital ist das nicht »profitabel«! Die durch die Mechanisierung und Arbeitsintensivierung ständig steigende Produktivität wurde weder durch Arbeitszeitverkürzung ausgeglichen, noch konnten die Lohnsteigerungen mit der Produktivitätssteigerung mithalten. Dadurch ergibt sich für das Kapital ein Absatzproblem – niemand kann sich die schon produzierten Waren leisten. (Teilweise wurde der Konsum durch billige und leicht erhältliche Privatkredite angekurbelt – ein System, das nun in der US-Immobilien Krise zusammengebrochen ist.) Die gesellschaftliche Produktivität ist zu hoch, um sie lukrativ verwerten zu können. Die KapitalistInnen fürchten um ihre Bereicherung und vernichten deshalb lieber die angehäufte Warensammlung als dass es zu einem Preisverfall kommt! Anders gesagt: Das Kapital nimmt den Menschen alles wieder weg, was sie selber produzieren, gibt ihnen die Dinge nur, wenn es sich Profite davon erhofft. Häuser, Autos, etc. werden im Kapitalismus nicht für die Bedürfnisbefriedigung produziert, sondern für die Realisierung von Profiten – funktioniert das nicht mehr (»Schuldenkrise!«), dann wird die Produktion gestoppt, Fabriken geschlossen, ArbeiterInnen entlassen. Der »Überschuss« kommt auf die Müllhalde!

Wenn wir zu viel produzieren, dann heißt das, dass wir zu viel arbeiten. Was wäre also, wenn wir mit dieser Produktivität bewusster und gemeinsamer umgingen? Weniger Angst, weniger Arbeit, weniger Müll, weniger Umweltverschmutzung und weniger Krankheiten?

Was tun?

Momentan wissen wir gar nicht, wo uns der Kopf bei all diesen Widersprüchen und Entwicklungen steht – da haben´s VertreterInnen der (oft versteckten) Marxorthodoxie à la »Klassenkampf – Krise – Kommunismus« und Linke, die an den Verhandlungstisch wollen, schon leichter! Aber was fangen wir damit an (linksradikale AktivistInnen, …)? Was fangen die Menschen damit an, die die Krise trifft? Bleiben die Kämpfe, die wir oben aufgezählt haben, isoliert – kämpft jedeR nur für sich? Gibt es in diesen Auseinandersetzungen irgendwo den Lichtblick auf eine neue Gesellschaft, entsteht irgendwo die Perspektive der bewussten, gemeinsamen Zerstörung des Kapitalismus? Auch wenn wir erst jetzt zum ersten Mal von einer »globalen Arbeitskraft« reden können, die von der ersten wirklich »globalen Krise« getroffen wird – sie kämpft (noch?) nicht »global«! Wo ist die revolutionäre Neuzusammensetzung der Klasse, bei der sich die chinesischen RüstungsarbeiterInnen weigern, Waffen für die Abschlachtung simbabwescher LandarbeiterInnen zu produzieren? Wo die US-AutoarbeiterInnen, die gleichzeitig mit ihren deutschen KollegInnen von Opel, BMW, Daimler, … auf die Straße gehen und zeigen, dass sie es satt haben, in ihren heruntergekommenen, finanziell ruinierten Betrieben weiterzuarbeiten und trotz Arbeit dauernd nur verschuldet zu sein? Hätten die Food riots mehr Potenzial, als nur für die unmittelbarsten Bedürfnisse zu sorgen? Haben sich EisenbahnerInnen und Bankangestellte was zu sagen?

Wenn ProletarierInnen um ihr Geld und ihre Jobs bangen, von vernichteten Anlagewerten und entlassenen KollegInnen hören, hängt der weitere Verlauf der Krise und damit des Kapitalismus davon ab, ob sie sich als nächste Opfer einer ungerechten Welt ausgesetzt fühlen, oder sich als AkteurInnen wahrnehmen die miteinander reden und handeln können und zusammen etwas erreichen wollen. Darauf kommt es an: Angst, Vereinzelung, Resignation oder Kommunikation, Austausch und Mut zur Aktion.

Vieles rund um die Krise steht im Artikel in der Wildcat 82: »Globale Krise«. Schreibt uns, wenn ihr eine wollt und diskutiert mit: grauzone@catbull.com. Überdies lohnt sich immer ein Blick in die Tagesmeldungen von Financial Times Deutschland (www.ftd.de) – nicht wegen der politischen Vorschläge, sondern wegen der oft sehr pointierten Analysen aus herrschender Sicht. Zum einführenden Verständnis von Kredit, Finanzmarkt und Wertpapieren hilft Wikipedia und für diejenigen, die´s genauer wissen wollen und viel Zeit haben taugt noch immer der gute alte Charlie M. am besten (zB.: »Die Handelskrise in England« oder »Die Finanzkrise in Europa«, in: MEW 12 bzw. auf mlwerke.de).

Eine Antwort zu “KRISE”


  1. Jump you fuckers!


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